Experiment: Wir sind in Norwich in die Kirche gegangen

St. Peter Mancroft - Norwich

Es ist Sonntagfrüh im herbstlichen Norwich und wir sind schon wieder einmal zu spät dran. Klar, früh aufzustehen ist an sich schon eine große Überwindung und dann auch noch an einem Sonntag … das dauert eben. Aber Michael und ich haben heute etwas Besonderes vor und deshalb ist diese sonntägliche Qual schlussendlich schon okay. Es ist unser dritter und letzter Tag in Norwich und ich hatte Michael überredet, in die Kirche zu gehen – konkret in die anglikanische St. Peter Mancroft-Kirche mitten in der Stadt, direkt gegenüber dem großen Veranstaltungszentrum „The Forum“. Diese größte aller 32 mittelalterlichen Kirchen in Norwich wurde in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erbaut und hat mir schon beim Vorbeigehen an den beiden Tagen zuvor ausgesprochen gut gefallen. Sie liegt etwas erhöht und wird von einem netten Garten bzw. Friedhof umgeben. Und genau den durchquerten wir auch mehrmals, als wir an besagtem Sonntag in die 10-Uhr-Messe gehen wollten. Denn den richtigen Eingang zu finden … das war nicht ganz so einfach, hat dann aber nach einigen Runden um die Kirche doch noch geklappt.

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St. Peter Mancroft – mitten in Norwich und gleich neben dem modernen “Forum” (im Hintergrund).

Die Sache mit dem schwarzen Stock

Gleich zu Beginn der Messe, während des Einzuges (den haben wir noch von draußen beobachtet, um nicht allzu sehr aufzufallen) ist uns schon etwas für unsere – katholischen – Verhältnisse Komisches ins Auge gesprungen. Zwei Zeremonienmeister trugen bei der Prozession nämlich einen langen schwarzen Stock mit einem goldenen Kreuz an der Spitze. Nach der Messe erklärte uns einer der – schon lange erwachsenen (!) – Ministranten, dass dieser Stock noch ein Relikt aus früheren Zeiten ist. Er wurde einst verwendet, um jene Messgeher, die im Weg standen oder sich nicht benehmen konnten, quasi zurechtzuweisen … Die Messe selbst verlief nicht sehr viel anders als wir das ohnehin gewohnt sind. Lieder („hymns“), Evangelium, Predigt usw. Allerdings gab es – so wie ich das auch schon während meiner Zeit als Sprachassistentin in Derby erlebt habe – eine Art Broschüre, in der der gesamte Ablauf der Messe genau nachzulesen ist und in der auch sämtliche Messantworten zu finden sind. Eine super Sache, wenn man, so wie Michael, überhaupt noch nie in einer englischen Messe war, oder, wie ich, schon sehr lange nicht mehr. Diese Broschüre wird meist zusammen mit dem jeweiligen Liederbuch noch vor Messbeginn ausgeteilt und dann nachher wieder eingesammelt.

Ein unerwartetes Geschenk

Besonderes Highlight war mit Sicherheit die Kommunion. Nicht, weil die Leute vergleichsweise unbekümmert (sprich, ohne die Hände vor dem Körper zu falten) nach vorne und wieder zu ihren Plätzen gegangen sind – das kannte ich ja schon. Nein, besonders skurril war eine Szene, die sich während dem Austeilen der Oblaten bzw. des Weines (ja, den gibt’s auch) abgespielt hat. Jeder, der nach vorne ging, musste sich nämlich auf eine lange Bank knien und warten, bis er oder sie an der Reihe war. Neben uns nahmen zwei asiatisch aussehende junge Damen Platz und wussten offenbar nicht so recht, was denn nun passieren würde. Als der Pfarrer, der an diesem Tag übrigens seine erste Messe in dieser Pfarre feierte, ihnen schließlich die Kommunion reichen wollte, nahmen sie sie mit beiden Händen entgegen und verneigten sich leicht, fast so, als wollten sie sich für dieses „Geschenk“ bedanken, wie das ja im asiatischen Raum durchaus üblich ist. Wir mussten sehr schmunzeln …

Einer der Ministranten (ja, das kann man offensichtlich auch noch im fortgeschrittenen Alter machen) hat sich mit uns nach der Messe nett unterhalten.

Einer der Ministranten (ja, das kann man offensichtlich auch noch im fortgeschrittenen Alter machen) hat sich mit uns nach der Messe nett unterhalten.

Das wunderschöne Gebäude, der tolle Kirchenchor, die netten Leute, mit denen wir nach der Messe noch reden konnten – all das ist mir bis heute noch in schöner Erinnerung geblieben. Der zuvor erwähnte Ministrant fragte Michael übrigens, ob er denn auch von der früheren Gemeinde des neuen Pfarrers quasi nach St. Peter Mancroft „übersiedelt“ sei. Als Michael verneinte und erklärte, dass er eigentlich katholisch sei, entgegnete der Ministrant schmunzelnd: “Ja, das wären wir auch noch, wenn wir euch damals nicht rausgeschmissen hätten.” Ja, Humor haben sie wirklich, die Briten. Und der kommt manchmal auch während der Messen vor, die sind nämlich meiner Meinung nach nicht ganz so starr wie bei uns. Aber am besten ihr wagt selbst einmal das Experiment und geht in Großbritannien in die Kirche – auch wenn ihr mit diesen Dingen vielleicht nichts am Hut habt. Wir freuen uns auf eure Berichte!

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