Norwich, seine Pubs und das Bier

Norfolk hat unzählige Pubs und mehr als 60 Brauereien, meist kleinste Mikrobetriebe, die Ale höchster Qualität produzieren. Deshalb gilt die Region und insbesondere die Hauptstadt Norwich als eines der Zentren englischer Bierkultur. Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu leisten die besonders ausgeprägte Pubszene und ein eigenes Bierfestival. Ein Lokalaugenschein.

Nichts ist britischer als das Pub und obwohl jährlich hunderte Pubs schließen, findet man immer noch an fast jeder Ecke eines dieser berühmten Bierlokale mit oft recht kreativen Namen. So natürlich auch in Norwich und es ist kein Wunder, dass wir uns bei unserem Besuch auch “biertechnisch” umgesehen haben. Angeblich gibt es noch rund 60 Pubs in der Stadt. 1880 waren es noch mehr als 450.

Unsere Gastgeber im Wedgewood House haben uns dafür als erste Station das “Trafford Arms“ in der Grove Road empfohlen. Nicht nur, weil es in der Nähe der Unterkunft ist, sondern, weil es auch eine gute Küche hat. Doch wir wurden gewarnt – erst kürzlich habe das Pub nach 26 Jahren den Besitzer gewechselt und das könnte sich auf die Qualität auswirken. Es ist inzwischen der 25. Besitzer des Lokals, das 1887 gegründet wurde. 1942 wurde es durch eine deutsche Fliegerbombe für ein paar Monate außer Gefecht gesetzt.

Den befürchteten Qualitätsverlust können wir nicht bestätigen, denn das Trafford Arms ist das, was man sich landläufig unter einem Neighborhood Pub vorstellt: vor allem lokale Besucher aus der Nachbarschaft, eine große Auswahl an Biersorten und dazu typisches Pubfood, das eindeutig nicht von einer großen Kette stammt. So habe ich etwa einen Shepards Pie mit Kraut und in Honig gebratenen Karotten bestellt. Ein Tipp ist aber auf jeden Fall auch der „Pie of the week“.

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Shepards Pie im Trafford Arms.

Unsere zweite Pub-Station war praktisch gesetzt. Wenn man schon die Chance hat, das beste Pub Großbritanniens zu besuchen, dann sollte man das auch tun. Die Rede ist vom „Fat Cat“. Das Lokal wurde nämlich vom „Good Pub Guide“ in den vergangenen 18 Jahren gleich sechs (!) Mal zum „Beer Pub of the year“ gewählt. Kein Wunder also, wenn es inzwischen mehr als nur eine „Fat Cat“ in Norwich gibt. Der Taxifahrer empfiehlt uns daher: „Go where the locals go.“ Und das ist nun einmal das Original etwas außerhalb des Stadtzentrums. Auch dieses Pub hat Geschichte. Seit 1868 befindet sich hier ein Pub, das 1991 von Colin Keatley übernommen wurde. Er änderte den Namen auch von „The New Inn“ zum heutigen „Fat Cat“.

Eine Speisekarte hat das Pub nicht, hier gibt es neben Bier nur Bier und das in wahnsinnig großer Auswahl. Herrlich und eigentlich ein richtiger Ort für Männer. Am Nachbartisch unterhält man sich unter Kumpels über die Scheidung: „Ich will sie nicht zurück, ein Teil von mir liebt sie, aber ich kann einfach nicht mehr.“ Die Freunde quittieren die herzerweichende Beichte mit zustimmenden Nicken, ehe sie zum nächsten Schluck ansetzen. Wo gibt es heute noch solche Orte, wo Jungs unter sich sind?

Denn tatsächlich gibt es bemerkenswert wenige Frauen im Lokal. „Doch das ändert sich“, raunt mir ein Pub-Besucher an der Bar entgegen, als ich den Frauenmangel bei der Kellnerin feststelle. „Vor 20 Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, überhaupt eine Frau im Pub zu finden.“ Und er hat recht, denn immer wieder liest man, dass mehr Frauen jetzt auch Pubs besuchen. Manche Pubs reagieren darauf und servieren auch Wein und immerhin knapp ein Drittel der Pub-Betreiber ist schon weiblich. Nicht so in der „Fat Cat“, hier bleibt fast die Zeit stehen, ganz ohne Weingläser.

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